Im a cyborg but thats ok
Artikel vom 20.07.2018 | Heimkino->DVD

I'M A CYBORG, BUT THAT'S OK



Rache ist süß, Liebe auch


Seit dem Riesenerfolg von Einer flog über's Kuckucksnest ist die Psychiatrie ein beliebter Schauplatz für meist düstere Filmthemen geworden. Man denke nur an 12 Monkeys, Gothika, The Jacket – die Liste ließe sich beliebig verlängern. In der Irrenanstalt sucht und findet Hollywood skurrile Typen, dramatische Geschichten und oftmals bizarre Bilder. Genau hier, am vielleicht unwahrscheinlichsten Ort für herzergreifende Romantik spielt I'm a Cyborg, But That's OK. Und der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook (OYS-Special zum Regisseur) zeigt mit seinem tragisch-komisch-absurden Liebesfilm wirklich mal etwas ganz Neues aus der Anstalt – umso erstaunlicher, denn Park Chan-wook vermochte mit seiner brutalen Rache-Trilogie (Sympathy for Mr. Vengeance (2002), Oldboy (2003), Lady Vengeance (2005)) bisher vor allem Tarantino-Fans zu begeistern. Ein Liebesfilm von Park-Chan-wook? Keine Frage:I'm a Cyborg ... ist etwas ganz Besonderes.

Mediafacts
Im a cyborg but thats ok
Mediabook-Cover
Titel: I’m a Cyborg, But That’s OK
Originaltitel: Saibogujiman kwenchana
getestete Version: Mediabbok
Cast: Su-jeong Im, Rain, Hie-jin Choi
Regie: Park Chan-wook
Produktionsland: Südkorea
Studio/Verleih: Capelight
DVD-Release: 2009
Mediabook: 2018
Produktionsjahr: 2006
Spieldauer: 107 Minuten
Format: DTS-Master Ausio 5.1
Sprache: Deutsch (DD 5.1), Koreanisch (DD 5.1)
Regioncode: 2
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Kurze Filmbeschreibung


Nach einem Suizidversuch wird Young-goon (Su-jeong Im) in die Psychiatrie eingewiesen. Dabei wollte sich die zerbrechliche junge Frau, als sie sich an ihrem Arbeitsplatz in einer Radio-Fabrik einen Stromschlag versetzte, gar nicht umbringen, sie wollte bloß ihre Akkus aufladen. Young-goon ist nämlich davon überzeugt, ein Cyborg zu sein. Sie musste jedoch ihrer Mutter versprechen, dieses Geheimnis für sich zu behalten. Daher weiß in der Nervenklinik niemand, wieso das Mädchen keine Nahrung zu sich nehmen will und stattdessen an Batterien leckt und mit Lampen und Getränkeautomaten spricht - niemand, bis auf ihren schizophrenen Mitpatienten Il-sun, der als antisozial gilt und sich in seinem bisherigen Leben vor allem für sich selbst interessierte. Er hält sich für einen meisterhaften Dieb, der sogar die Eigenschaften der anderen Patienten stehlen kann, um sie sich dann selber anzueignen. Doch hat Il-sun eine große Angst: Er befürchtet irgendwann zu verschwinden, immer kleiner zu werden und sich schließlich in einem Punkt aufzulösen. Als Young-goon immer schwächer wird, ist Il-sun der einzige der versteht, dass sie nichts essen will, weil sie befürchtet, dadurch kaputt zu gehen. Er hilft ihr nicht nur, wieder Nahrung aufzunehmen, sondern auch, ihre Bestimmung zu erfahren. Young-goon muss die weißen Männer (Krankenpfleger) töten, doch ihr Mitgefühl steht ihr im Weg. Und sie trägt ein weiteres Geheimnis in sich. Denn ein Cyborg wie Young-goon wurde schließlich nicht ohne Grund konstruiert.

Eine Person kugelt sich wild über den Fußboden, eine andere kreuzt schräg wie ein Skispringer das Bild. Eine Patientin mit enormer Leibesfülle, gekleidet wie eine feine Dame im Morgenrock, tupft sich unentwegt die Stirn. Ein Mann mit seltsamer Frisur sitzt auf einem Tisch und meditiert. Eine ältere Frau redet wirr auf Young-goon ein, die in einem Krankenbett über den Flur geschoben wird – willkommen im surrealen Psychiatrie-Märchen des Park Chan-wook. Es ist eine phantasievolle wie skurrile, zuweilen auch amüsante Welt voller Merkwürdigkeiten und Wunderlichkeiten die der Film von der ersten Szene an entwirft. Leider verfällt Park Chan-wook zu Beginn den Verlockungen des kuriosen Anstaltslebens allzu sehr, was sich zwar in träumerisch-bunten aber auch nervösen Bilderwelten niederschlägt. Zunächst bleibt es unklar, worüber der Film überhaupt handelt. Die Besonderheit der Geschichte zieht den Zuschauer dank des von Lim Su-jeong gespielten zauberhaften Charakters der Young-goon doch schnell in ihren Bann. Mit stillem, schüchternem Charme erinnert sie im positiven Sinne durchaus an Amélie (Die Wunderbare Welt der Amélie), nur ohne den ganzen französischen Kitsch ... Young-goon hat ein hartes Los – sie ist ein Cyborg. Für sie persönlich ist das ist nicht weiter schlimm, sie nimmt ihr Schicksal mit einer natürlichen, kindlichen Selbstverständlichkeit hin. Doch weil ihr subjektives Empfinden und die objektive Welt nicht zusammenpassen, wird sie gezwungen, sich zu ändern. Il-sun ist zwar kein Cyborg, doch schafft er Verständnis für Young-goon aufzubringen. Er ist der einzige, der in ihr Innerstes blicken kann, ihr Wesen erkennt und es akzeptiert, wie es ist. Zwischen Gummizelle und Elektroschocktherapie entwickelt sich daraufhin eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, die eine besondere Magie versprüht. Die Liebe der kindlich-naiven Charaktere für einander zeigt die ganze Kraft dieses Gefühls, weil sie so rein, so unschuldig wirkt. Die Liebe will hier nichts bezwecken und nichts besitzen, sie passiert einfach, ändert dabei aber alles. Wie Il-sun Young-goon zunächst das Mitgefühl stiehlt, damit sie als Cyborg zu ihrem wirklichen Wesen finden kann und ihr dann schließlich sein ganzen Mitgefühl zu Teil werden lässt, woraufhin er schließlich nicht mehr verschwindet, sondern wächst, ist nichts weniger als große Poesie. Näher an die Wirklichkeit des Gefühls bedingungsloser Liebe als in der Heizungskellerszene, in der Il-sun Young-goons Leben rettet, indem er für sie die Regeln der objektiven Welt außer Kraft setzt und ihr ein Modul zur Nahrungsverwertung in den Rücken einsetzt, kann man im Medium Film wohl nicht herankommen. Bei alldem wird „I'm a cyborg“ aber nie pathetisch. Im Gegenteil, die großen Gesten liegen in den vielen kleinen Details, die die Handlung in einer naiven Selbstverständlichkeit schweben lassen. So ruft Il-sun der ans Krankenbett gefesselte Young-goon zu:„Ich soll dich vom Getränkeautomaten grüßen".


I'm a Cyborg ... ist besonders. Er ist skurril, romantisch, poetisch, amüsant, und außerdem schwarz wie die Nacht. Denn unter der leichtfüßigen, zuckersüßen Oberfläche Young-goons liegen dunkle ...ja was schon?...genau...Rachegelüste! Und in der Rache kennt Park Chan-wook ja bekanntlich keine Kompromisse. So lässt der südkoreanische Regisseur den Cyborg im Tötungs-Modus auf rücksichtlosen Amoklauf durch die Anstalt gehen und das zu hüpfenden Walzerklängen – nur als Teil von Young-goons Halluzinationen natürlich. Praktisch aus dem Nichts folgt eine perfekt komponierte Actionszene im Garten der Klinik. Teilweise ungeschnitten und aus der Vogelperspektive gefilmt, wirkt Young-goons Gemetzel so realistisch und gleichzeitig so überzeichnet, dass man sich die Augen reiben muss und das Grinsen so schnell nicht mehr weg bekommt. Wer versuchen wollte, I'm a Cyborg ... irgendeinem Genre zuzuweisen, wird wohl spätestens jetzt aufgeben.

Das meint onyourscreen.de zum Capelight-Mediabook


Nach Oldboy, welcher auch in einer unfassbar geilen (sorry, aber ist halt Fakt!) "Ultimate Edition" herauskam, veröffentlicht "Capelight" nun einen weiteren Film des koreanischen Ausnahmeregisseurs Park Chan-wook als Mediabook: I'm a cyborg, but that's ok. Was wir von diesem großartigen Streifen halten, durftet ihr ja schon nachlesen, wie wir das Mediabook finden, lest ihr hier. Natürlich FSK-Zeichen-los empfängt uns nach dem entfernen der Blisterfolie ein typisches Mediabook mit seidenmattem Finish. Die wichtigsten Teile aber auf Cover, MB-Rücken oder Backcover sind partiell mit UV-Lack (vermutlich) gefinished und stellen so deren Wichtigkeit zusätzlich heraus. Typisch "Capelight" halt, die sich immer mal wieder etwas Besonderes für uns Sammler einfallen lassen. Ebenso besonders ist deren ausgeprägter Drang, ihre MBs mit umfangreichem Zusatzmaterial zu versehen - hier mal eine Auflistung der nett betitelten Extras:

> "Kein Mitgefühl": Interview mit Park Chan-wook
> "Keine Sehnsucht": Interviews mit Lim Soo-jung sowie Jung Ji-hoon
> "Keine sinnlosen Tagträumereien": Interviews mit der Crew
> "Keine Traurigkeit": 20-minütiges Making of
> "Kein Hinauszögern wichtiger Dinge": Die Viper Digitalkamera (I'm a cyborg ... war einer der ersten komplett digital (mit eben diesem Kameratyp) gedrehten Kinofilme ... gerade für Cineasten also sehr interessant!
> "Keine Schuldgefühle": Entfallene und alternative Szenen
> "Keine Dankbarkeit: I'm a cyborg ... auf der Berlinale
> Kurzfilm: 2 minutes
> Original Kinotrailer, Teaser Trailer, drei TV-Spots


Dazu kommt ein ausführliches, sehr informatives 24-seitiges Booklet, das man aber erst nach dem Filmgenuß durchstöbern sollte. Marco Heiter - Kulturwissenschaftler aus Berlin - analysiert und deutet hier deutlich spoilernd Szenen, Intentiton und Gesamtwirkung des Films.


In Zeiten, in denen diverse Hersteller dazu übergehen Mediabooks nur noch mit einer Blu-ray zu bestücken, ist es löblich das "Capelight" die Tradition auch eine DVD beizugeben (vorerst?) beibehält. Bild und Ton des Werks kommen logischerweise sehr gut weg, was bei einem so neuen Werk (2006) aber auch nicht verwundern sollte. Selbstverständlich liegt das Main feature neben der guten deutschen Synchro auch im Originalton vor - wahlweise mit zuschaltbaren Untertiteln. Was man übrigens gerne mal ausprobieren sollte ...

Wenn wir bei dem wundervollen, soeben erschienenen Mediabook etwas vermissen, dann ist das ein (gerne deutscher) Audiokommentar - zumindest wir lieben es, uns nach dem Film noch die Meinung weiterer Kenner oder Enthusiasten einem Hörspiel ähnlich, zu geben ... aber das ist jetzt Meckern auf ganz hohem Niveau. Man darf nämlich nicht vergessen, das "Capelight" keine ultrateuren Sammlerstücke produziert, sondern beim Endpreis für den Verbraucher scharf kalkuliert. So gibt es das I'm a cyborg, but that's ok-Mediabook bereits für erstaunliche 14,- Euro (ca.) zu kaufen!

Onyourscreen.de-Fazit zu I'M A CYBORG, BUT THAT'S OK


Für den westlichen Film-Fan, manchmal etwas sehr befremdlich, hier und da vielleicht sogar ein bisschen nervig, aber eben ganz und gar nicht nach Schema F – das ist I'm a Cyborg, But That's OK. Ein Auge für Nuancen sollte man schon haben und sich auf jeden Fall nicht von jodelnden Koreanern abschrecken lassen (die gibt’s hier nämlich zur Genüge). Wer auf die linear gestrickten Fließband-Romanzen aus den Werkshallen Hollywoods steht, der sollte die Finger von diesem Stück liebevoller koreanischer Handwerkskunst lassen. Wir legen uns einfach mal fest: Nicht der Terminator, nicht Data von der Enterprise, Young-goon ist der beste Cyborg aller Zeiten (Wolverine ist ein Mutant!!) – das sollte man nicht verpassen. Und vor allem sollte man nicht das großartige, vor einigen Tagen erschienene Mediabook von "Capelight" verpassen.


© Text: onyourscreen.de / MAD/AS


 
 
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