David Cronenberg Filme on your screen
Artikel vom 17.06.2011 | Themen

DAVID CRONENBERG Filme on your screen



Ein Genie zeigt Wahnsinn


Mit den zuletzt erschienenen Dramen A History of Violence und Tödliche Versprechen scheint der kanadische Filmemacher David Cronenberg endgültig das Kapitel zuzuschlagen, dass sein filmerisches Leben bisher bestimmte. Mit eigenwilligen Horrorfilmen, die sich um den menschlichen Körper als wissenschaftliches Versuchsobjekt drehen, prägte der 1943 geborene Regisseur das Genre des Body Horrors. Zwar will Cronenberg mit seinen Werken bewusst den Ekel der Zuschauer erregen, doch war es stets das Philosophische an Horrorfilmen, was ihn nach eigener Aussage reizte und was seine Filme so besonders macht. Höchste Zeit mal einen Blick auf die lange Liste des Cronenbergschen Body Horrors zu werfen.

Parasiten Mörder
Originaltitel: Shivers
Genre: Horror
Regie: David Cronenberg
Cast: Paul Hampton, Joe Silver, Lynn Lowry
Produktionsland/-jahr: Kanada, 1975
 
Bereits in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm Shivers – Parasiten Mörder greift Cronenberg das Motiv auf, das seine weiteren Filme wie ein roter Faden durchzieht: Die Veränderung der Natur des Menschen durch seine eigenen wissenschaftlichen und technischen Eingriffe. Bis zu Die Fliege stehen dabei meistens naturwissenschaftliche Experimente im Fokus, die gewollt oder ungewollt auf den Menschen zurückfallen. Shivers handelt von einer Parasitenart, die eingesetzt wird, um erkrankte Organe des Menschen zu ersetzen. Die Folge dieser Behandlung ist allerdings, dass sich die Patienten zu regelrechten Sexzombies entwickeln, die über Geschlechtsverkehr die Parasiten verbreiten.

Rabid – Der brüllende Tod
Originaltitel: Rabid
Genre: Horror
Regie: David Cronenberg
Cast: Marilyn Chambers, Frank Moore, Joe Silver
Produktionsland/-jahr: Kanada, 1977
 
In Rabid entwickelt Cronenberg dieses Thema weiter. Diesmal ist eine gescheiterte Operation der Auslöser dafür, dass eine Epidemie der Lust die Menschheit befällt. Eine Frau bemerkt nach einer Hauttransplantation, dass ihr ein bissiger Stachel in der Achselhöhle wächst, der wie ein Vampir Opfer zu Zombies verwandelt. Ein Seuchen verbreitender Achselhöhlen-Vampir-Penis – skurril!

Die Brut
Originaltitel: The Brood
Genre: Horror
Regie: David Cronenberg
Cast: Oliver Reed, Samantha Eggar, Art Hindle
Produktionsland/-jahr: Kanada, 1979
 
Mit dem 1979 entstandenen Film The Brood schließt Cronenberg den zentralen Gedanken der ersten beiden Filme als Trilogie ab. Wiederum dient ihm die zum Horrortrip gewandelte Sexualität des Menschen als Sinnbild der Auswirkungen eines pervertierten Wissenschaftsideals.

Scanners – Ihre Gedanken können töten
Originaltitel: Scanners
Genre: Fantasy/Horror
Regie: David Cronenberg
Cast: Jennifer O'Neill, Stephen Lack, Patrick McGohan, Michael Ironside
Produktionsland/-jahr: Kanada, 1981
 
Auch in den Folgeprojekten bleibt Cronenberg dem Body Horror treu. Mit Scanners erweitert er allerdings sein Genre, indem er sich in seinen Werken zunehmend Mystery- und Fantasyelementen bedient. Mit dem Film landet Cronenberg seinen ersten kommerziell erfolgreichen Treffer. Ein Grund dafür dürfte die ungemein realistische Darstellung eines explodierenden Kopfes sein, die Anfang der achtziger Jahre noch für Aufregung sorgte. Neben dieser berühmten Szene hat Scanners aber noch sehr viel mehr zu bieten. Der Film dreht sich um Menschen, die telepathische Fähigkeiten besitzen, sogenannte Scanners. Auslöser dafür ist eine Mutation, die bei Neugeborenen durch ein Beruhigungsmittel für Schwangere ausgelöst werden. Das Motiv eines zum Fluch gewandelten Segens der Wissenschaft arbeitet sich hier an dem konkreten Fall des Contagan-Skandals in Deutschland ab.

Videodrome
Cover:Videodrome
Videodrome
Originaltitel: Videodrome
Genre: Science-Fiction/Horror
Regie: David Cronenberg
Cast: James Woods, Deborah Harry, Jack Creley
Produktionsland/-jahr: Kanada/USA, 1983
 
Ein Fernsehproduzent stößt auf der Suche nach neuem Material für seinen Sender auf eine Snuff-Film-artige Foltershow, die mit einem unterschwelligen Signal versehen ist, das die Zuschauer der Sendung krank und außerdem zu gefügigen Werkzeugen werden lässt. Cronenberg, der sich hier bereits an verstörenden Halluzinationsszenen probiert, die an die späteren Werke Naked Lunch oder eXistenZ erinnern, entwickelt in Videodrome einen interessanten Effekt: Der Betrachter des Films wird, da er auch zum Zuschauer der Snuff-Show wird, unmittelbar in den Horror miteinbezogen - ein Effekt, den man später zum Beispiel auch in den Verfilmungen des japanischen Horrorstoffs The Ring wieder entdeckt. Mit diesem Kniff verleiht Cronenberg seiner medien- und konsumkritischen Botschaft eine besonders packende Wirkung.

The Deadzone – Der Attentäter
Originaltitel: The Deadzone
Genre: Horror/Thriller
Regie: David Cronenberg
Cast: Christopher Walken, Booke Adams, Tom Skerrit, Anthony Zerbe
Produktionsland/-jahr: USA, 1983
 
Auch Deadzone fällt in Cronenbergs Gesamtwerk etwas aus dem Rahmen. Wie bei 10.000 PS stammt das Drehbuch auch hier nicht vom kanadischen Regisseur selbst. Der Film ist kein Cronenberg Horror im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Mystery-Thriller mit Horror-Elementen, wie es für Geschichten Steven Kings typisch ist, der in diesem Fall die Romanvorlage lieferte. Die Handlung dreht sich um ein Unfallopfer, das, nachdem es aus dem Koma erwacht, hellseherische Fähigkeiten entwickelt. Durch die Berührung anderer Menschen empfängt Johnny Smith, die eine oder andere Schreckensvision, die ihn zum Eingriff in den Lauf der Dinge zwingt. Der Film überzeugt vor allem dank der starken Besetzung mit Christopher Walken in der Hauptrolle und unter anderem Martin Sheen in den Nebenrollen.

Die Fliege
Originaltitel: The Fly
Genre: Horror
Regie: David Cronenberg
Cast: Jeff Goldblum, Geena Davis
Produktionsland/-jahr: Kanada/USA, 1986
 
Die Cronenberg Version des 1958 erstmals verfilmten Stoffes von Die Fliege ist wohl das bekannteste und erfolgreichste Werk innerhalb des Genres, was nicht zuletzt durch die Tatsache bewiesen wird, dass die Story in einer der Halloween-Folgen der Simpsons aufgegriffen wurde.
Der Wissenschaftler Seth Brundle (Jeff Goldblum) unternimmt mit seiner neu entwickelten Teleportationsmaschine einen Selbstversuch bei dem unbemerkt eine Stubenfliege in die Aparatur gelangt. Brundles DNS vermischt sich mit derjenigen der Fliege, woraufhin er sich schrittweise zu einem Fliegenwesen entwickelt. Befindet sich Brundle nach dem scheinbar gelungenen Experiment zunächst auf dem Gipfel des wissenschaftlich Möglichen – nicht nur das er sich teleportieren konnte, er erhält im Anschluss sogar noch übermenschliche Kräfte – stellt sich dieser Höhepunkt im nächsten Moment als tödliche Fallhöhe hinaus. Deutlicher in seiner Botschaft, aber auch grausamer in seinen Bildern ist Cronenberg nie gewesen.

Die Unzertrennlichen
Originaltitel: Dead Ringers
Genre: Horror
Regie: David Cronenberg
Cast: Jeremy Irons, Genevieve Bujold
Produktionsland/-jahr: Kanada/USA, 1988
 
Mit Die Unzertrennlichen legt Cronenberg etwas subtiler als in seinen vorherigen Filmen aber dennoch stilsicher nach. Vor allem Jeremy Irons, der in einer Doppelrolle brilliert, ist es zu verdanken, das die Geschichte eines Gynäkologen-Zwillingspaars, die durch ihre gegenseitige Abhängigkeit in den Wahnsinn getrieben werden, zu einer bedrückenden Studie über die menschliche Panik vor der Veränderung wird. Ein Film der in seiner atmosphärischen Kälte Gynäkologen-Händen nicht nachsteht.

Naked Lunch – Nackter Rausch
Originaltitel: Naked Lunch
Genre: Fantasy/Horror
Regie: David Cronenberg
Cast: Peter Weller, Judy Davis, Ian Holm, Roy Scheider
Produktionsland/-jahr: Kanada/UK, 1991
 
Die Verfilmung des gleichnamigen Romans William S. Burroughs, der Anfang der sechziger Jahre aufgrund seiner obszönen Elemente zunächst verboten wurde, zählt sicherlich zu den bekanntesten und kultverdächtigsten Werken Cronenbergs. Es erzählt die Geschichte des Kammerjägers William Lee (Robocop-Darsteller Peter Weller), der sich sein eigenes Wanzenmittel als Droge injiziert und in einem Rausch offenbar seine Frau tötet. Die Handlungsstränge des Films sind unter den Horrortrip-Szenarien schwer auszumachen. Die Stärke von Naked Lunch liegt aber gerade in der Darstellung des Rauschhaften, die in ihrer ganzen Groteske die assoziative Kraft wahrer Albträume beinhalten und sogar Terry Gilliam für Fear and Loathing in Las Vegas inspiriert haben.

Crash
Originaltitel: Crash
Genre: Horror/Groteske
Regie: David Cronenberg
Cast: James Spader, Holly Hunter, Rosanna Arquette, Elias Koteas
Produktionsland/-jahr: 1996
 
Die Geschichte eines sexuell frustrierten Ehepaares, dass nach einem Verkehrsunfall seine sexuelle Vorliebe für Autounfälle und daraus resultierenden Verstümmelungen entdeckt, gehört sicherlich zu den umstrittensten Filmen Cronenbergs. Die expliziten Darstellungen von Gewalt und Sex provozierten Kritiker und Moralwächter, vor allem in den USA und Großbritannien. Cronenbergs Botschaft geriet dabei vielfach aus dem Blickfeld. Crash ist eine nicht besonders leicht zugängliche, dennoch aber scharfsinnige Dystopie, die die deformative Kraft unserer technischen Errungenschaften auf die menschliche Natur (hier: die menschliche Sexualität) verdeutlicht.

eXistenZ – Du bist das Spiel
Originaltitel: eXistenZ
Genre: Science-Fiction/Horror
Regie: David Cronenberg
Cast: Jennifer Jason Leigh, Jude Law, Ian Holm, Willem Dafoe
Produktionsland/-jahr: Kanada/Großbritannien, 1999
 
Der oftmals sorglos hingenommene Einfluss der technischen Innovationen auf den menschlichen Körper und die menschliche Psyche beschäftigt Cronenberg auch in seinem 1999 erschienenen Film eXistenZ. Hier ist es nicht nur die Sexualität, wie in Crash sondern es ist unsere gesamte Wirklichkeit, die unserer Technikversessenheit zum Opfer fällt. Mit Hilfe einer organischen Spielekonsole erschafft die Spieleerfinderin Allegra Geller eine virtuelle Wirklichkeit die bald nicht mehr von der Realität zu unterscheiden ist. In der filmischen Verdichtung dieses philosophischen Problems stinkt sogar die Matrix-Trilogie ab.

Spider
Originaltitel: Spider
Genre: Drama
Regie: David Cronenberg
Cast: Ralph Fiennes, Miranda Richardson, Gabriel Byrne
Produktionsland/-jahr: Kanada/UK 2002
 
In Spider kümmert sich Cronenberg um die krankhafte Seite der menschlichen Wahrnehmung. Der Film dreht sich vordergründig um die Erlebniswelt eines Schizophreniekranken (Ralph Fiennes in absoluter Bestform), der aus gerade der Psychiatrie entlassen, in einer öden Pension am Londoner Stadtrand mit den Dämonen seiner Vergangenheit kämpft. Cronenberg gelingt es hier meisterlich bedrückend den geistigen Irrgarten Denis Clegs, genannt „Spider“ nicht bloß darzustellen, sondern den Zuschauer darüber hinaus geschickt in das Spinnennetz aus subjektiver Erinnerung und trügerischer Gegenwart eines Schizophrenen hineinzuziehen. Durch ein Aha-Erlebnis, das ohne Knalleffekt auskommt, macht er so auch den geistig (einigermaßen) gesunde Zuschauer wieder einmal bekannt mit dem eigenen, keineswegs krankhaften, aber hochnäsigen Realitäts-(Irr)glauben.


© Text: onyourscreen.de / MAD


 
 
© Universum Film

© Tiberiusfilm

© SquareOne/Universum Film GmbH