Artikel vom 13.01.2011 | Heimkino->DVD

BRÜGGE SEHEN...UND STERBEN?



Erst das Sightseeing, dann der Tod


Manche Filme lassen sich schnell beschreiben, manche geben wenig Anlass zu vielen Worten und bei anderen möchte man im Nachhinein gar nicht mehr aufhören zu erzählen. So ergeht es den meisten Filmefans wohl auch bei Brügge sehen... und sterben?. Eine herrlich schräge und tragischkomische Gangsterkomödie, die mit amüsanten Dialogen an Szenen aus Pulp Fiction oder Snatch erinnert und zugleich eine nette Hommage an die Stadt Brügge darstellt.

Mediafacts
Cover: Brügge sehen ... und sterben?
Titel: Brügge sehen ... und sterben?
Originaltitel: In Bruges
getestete Version: DVD
Cast: Colin Farrell: Ray, Brendan Gleeson, Ralph Fiennes, Elizabeth Berrington
Regie: Martin McDonagh
Produktionsland: Irland, UK
Studio/Verleih: Universum Film GmbH
DVD-Release: 2008
Produktionsjahr: 2008
Spieldauer: 103 Minuten
Format: Dolby, PAL, Surround Sound
Sprache: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Regioncode: 2
Format: 16:9 - 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren

Warten auf Harry - kurze Filmbeschreibung


Die zwei Killer Ken (gespielt von Brendan Gleeson) und Ray (alias Colin Farrell) werden von ihrem Auftraggeber Harry (Ralph Fiennes) in ein verschlafenes Städtchen nach Belgien geschickt, nachdem sie in London einen Priester umgebracht haben. Was die beiden in Brügge machen sollen, ahnen die Auftragsmörder allerdings nicht, und so warten sie auf weitere Anweisungen von Harry. Währenddessen vertreiben sich die beiden die Zeit mit Sightseeing. Die mittelalterlichen Bauten, die eher an eine Märchenwelt erinnern, als an einen Schauplatz für eine Gangsterkomödie, faszinieren den älteren Ken, der in seiner Rolle als kultureller Stadtführer aufgeht. Ray hingegen ist total gelangweilt von dem "Scheißkaff Brügge".

Im Verlaufe der Geschichte erhält Ken den lang ersehnten Anruf von Harry, der ihn jedoch dazu auffordert, Ray zu erschießen, weil er bei dem Mord an dem Priester auch versehentlich ein Kind getötet hatte. So eine Tat verstoße gegen Harrys Moral. Doch Ken führt diesen Auftrag nicht aus und rettet sogar noch in letzter Sekunde Ray vor einem Suizid, da diesen Schuldgefühle wegen des durch ihn aus dem Leben geschiedenen Kindes plagen. Als der cholerische Harry Wind davon bekommt, dass Ray noch am Leben ist, macht auch er sich auf in die flämische Kleinstadt, denn eine solche Illoyalität von seinen Männern kann er nicht akzeptieren. So kommt es unweigerlich zu einer amüsanten und zugleich grotesken Verfolgung unter Ganoven und schließlich zu einem Showdown in Brügge.

Wieso ausgerechnet Brügge?


Der Film birgt nicht nur viele überraschende Momente, sondern besticht auch mit seinen Dialogen, die teils mit einem an Quentin Tarantino angelegten Humor brillieren. So auch in der Szene, als Harry nach Brügge kommt und sich eine Waffe besorgt, um Ray zu erschießen: „Eine Uzi?! Ich bin nicht aus dem beschissenen South Central Los Angeles. Ich hatte nicht vor eine Horde schwarzer Kinder aus voller Fahrt abzuknallen! Ich will eine normale Knarre für einen normalen Menschen.“
Harry setzt sich mit seinem Prinzipiengetue unfreiwillig der Komik aus. Als er Ray durch die Stadt jagt und im Hotel stellen will, versperrt ihm die schwangere Hotel-Besitzerin Marie den Durchgang. Der bewaffnete Harry kann aber aus Prinzip keiner schwangeren Frau oder Kindern etwas antun. Und so müssen er und Ray einen anderen Weg finden, um ihr Duell auszutragen. In einer weiteren Szene, erhält der Zuschauer vermutlich die Antwort auf die Frage, die sich jeder wohl stellen wird - wieso eigentlich Brügge? (Ken:) „Er [Harry] hat gesagt, dieser ganze Trip, die ganze Sache, der Aufenthalt in Brügge ist nur, damit du noch ein letztes schönes Erlebnis vor deinem Tod hast.“ (Ray:) „In Brügge? Auf den Bahamas vielleicht! Wieso das beschissene Brügge?“ (Ken:) „Ich schätze mal, das ist billiger.“

Fazit: F***ing good und kultverdächtig


Getreu nach Kens Motto „Ich bin froh es [Brügge] gesehen zu haben, bevor ich sterbe“ muss man dem Film aus dem Jahre 2008 seiner Kenntnis unbedingt hinzufügen. Das Spielfilmdebüt von Regisseur Martin McDonagh ist wirklich gut gelungen, und kann mit einer originellen Story und einem ungewöhnlichen Schauplatz überzeugen. Colin Farrell gefällt in der Rolle des leicht kindischen Ray, der schnell zur Gewalt neigt (außer natürlich bei Frauen, doch wehe sie gehen mit einer Weinflasche auf ihn los) zum anderen aber auch menschliche Gefühle wie Liebe und Bedauern hervorkehrt, denn er verliebt sich in die einheimische Drogendealerin Chloë und ist zugleich tief betrübt über sein Missgeschick mit dem Kind.
Auch die Rollen von Ken und Harry sind hochkarätig besetzt und die teils direkte und vulgäre Sprache der einzelnen Protagonisten projiziert ein lebendiges und höchst amüsantes Filmerlebnis. Besonders komisch, aber auch zugleich tragisch, ist der kleinwüchsige und rassistische Jimmy, den Ray in der Stadt kennenlernt und der sich am liebsten mit Drogen vollpumpt, mit Prostituierten abhängt und über irgendwelche Zukunftsvisionen philosophiert. Herrlich schräger halt.

Das Bonusmaterial der DVD-Version (die Blu-ray darf direkt hier bestellt werden) lässt ebenfalls keine Wünsche offen, selbst die Outtakes sind in deutsch untertitelt. Man muss allerdings sagen, dass die englische Originalversion des Films für einen besonderen Hörgenuss sorgt, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Der belgische Akzent der Bewohner sowie der irische Akzent Colin Farrells gestalten das Spektakel noch authentischer und lebendiger. Bei einem Ausflug ins Bonusmaterial klären sich zudem noch so einige Umstände auf, unter anderem erfährt man, warum Ken und Ray den Priester umbringen sollten...


© Text: onyourscreen.de / SN


 
 
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